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Creditreform Unternehmermagazin
Creditreform Magazin, 08.08.2011
Auffällig bei erfolgreichen Unternehmen ist: die Mitarbeiter sind motivierter, leistungsfähiger, weniger krank. Die Ergebnisse einer mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur. Tipps zur anhaltenden Fitness der Beschäftigten.
Wenn Kerstin Hamann, Leiterin Sozialmanagement der Berliner Wasserbetriebe, sagt "Es ist besser, die Arbeitsfähigkeit zu fördern, als die Krankenstände zu messen", klingt das altbekannt. Doch wer ihr weiter zuhört, erfährt Brandneues. Dann kommt sie auf das Wie zu sprechen, also auf die praktische Umsetzung in ihrem Unternehmen. Unbedingte Voraussetzung für ein erfolgreiches betriebliches Gesundheitsmanagements sei die mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur - getragen von gegenseitigem, hierarchieübergreifendem Vertrauen. Dabei geht es auch um private Dinge. Denn zu einer solchen Unternehmenskultur gehöre, dass bei persönlichen Problemen, einerlei ob betriebliche oder private, auch persönliche Hilfen angeboten werden. Als Beispiel nennt Hamann die interne und externe Konflikt- und Lebensberatung. "Mitarbeiter und ihre Angehörigen haben sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag die Möglichkeit, externe Pädagogen, Psychologen oder Familienberater anonym anzurufen, um dort Unterstützung zu bekommen", erklärt sie. Hier sieht sie den Berliner Versorgungsverbund in einer Vorreiterrolle. Viele Unternehmen hierzulande hätten noch nicht erkannt, dass sich Störungen im privaten Umfeld negativ auf die Leistungsfähigkeit im Betrieb auswirken. Ganz anders die Situation in den USA. "Was sich dort unter dem Namen Employee Assistance Program (EAP) schon etabliert hat, ist für Deutschland noch relativ neu", bedauert die Personalmanagerin.
Doch das soll sich bald ändern. Dafür will Das Demographie Netzwerk (ddn) sorgen, das sich hierzulande wegen der zunehmend älter werdenden Arbeitnehmerstruktur verstärkt für die betriebliche Gesundheitsförderung einsetzt, entsprechend der Erkenntnis, dass bei längeren Lebensarbeitszeiten mehr für die Gesundheit getan werden muss. Mit im Boot sind die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, der Verband der Ersatzkassen, der AOK-Bundesverband sowie Firmen wie Allianz, Bertelsmann, BMW, 3M und SAP - insgesamt über 200 Firmen. Gefördert wird das ganze vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. "Wir forcieren alle Maßnahmen von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Gesellschaft zur Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz", umschreibt ddn-Geschäftsführer Rainer Thiehoff das große Ziel. Und wie wichtig der Gesundheitszustand von Mitarbeitern für den Unternehmenserfolg ist, fasst Michael Bienert, Professor an der Fachhochschule Hannover, in der einfachen Formel zusammen: "Gesunde Mitarbeiter ist gleich gesundes Unternehmen, ungesunde Mitarbeiter ist gleich ungesundes oder nicht erfolgreiches Unternehmen." Demnach schließt er den betrieblichen Erfolg mit ungesunden Mitarbeitern aus.
Für Dietrich Bartelt, bei RWE energy für Strategisches Personalmanagement zuständig, zählt in einer auf Mitarbeiter ausgerichteten Unternehmenskultur immer auch der Einzelfall, wofür Employee Assistance Program steht. Die Arbeitsfähigkeit des Einzelnen trage wesentlich zur Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens bei, vor allem wenn das Gesamtgefüge eines Betriebs gesehen wird. Man könnte, so Bartelt auch sagen: So wie ein Unternehmen auf den einzelnen Mitarbeiter reagiert und ihm bei Problemen hilft, das spricht sich herum, das hat Signalwirkung. Dem stimmt Michael Drupp zu, Leiter des Instituts für Gesundheitsconsulting der AOK Niedersachsen: "Der Einzelfall ist manchmal das erste Anzeichen einer negativen Situation, die mehr Mitarbeiter betrifft." So kann eine Depression oder Sucht eines Mitarbeiters ein falsches Führungsverhalten eines Abteilungsleiters als Ursache haben, unter dem andere ebenfalls leiden, die allerdings alles bisher besser wegstecken konnten.
Mentale Fitness
Für die Hamburger Diplom-Psychologin Sylvie Vincent spielt gerade das Führungsverhalten eine entscheidende Rolle für die Gesundheit der Mitarbeiter - genauer gesagt für deren mentale Fitness. Gerald Hüther, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen, stellt klar: "Die mentale Fitness ist der zentrale Ausgangspunkt aller anderen Fitness." Sein Credo: Zuallererst muss es mental oder psychisch stimmen, alles andere kommt danach. Sylvie Vincent, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Hamburg, bekräftigt das mit einer Untersuchung zum Zusammenhang von Führungsverhalten und Ursachen für psychische Negativerscheinungen bei Untergebenen - über 6.000 Interviews wurden geführt. Im Vorfeld war für sie klar: "Durch die Aufgabenzuweisung kann die Führungskraft zu einer Kompetenzentwicklung und Gesundheitsförderung der Mitarbeiter oder zu einer psychischen Fehlbeanspruchung beitragen." Heraus kam, dass als unfair empfundene mentale Dämpfer, von Vorgesetzten durch deren Führungsstil ausgelöst, zuerst auf die Psyche, dann auf die Physis gehen. Ein mangelhafter Führungsstil trägt somit wesentlich zur Entstehung von Depressionen bei, heute die Berufskrankheit Nummer eins.
Auf Platz eins der festgestellten Führungsfehler liegt die Überforderung, beispielsweise durch zu viele oder zu schwierige Aufgaben, durch ein zu enges Zeitfenster oder zu viel Verantwortung. Danach folgt die entwicklungsorientierte Fehlführung, bei der Mitarbeitern zu wenig Handlungsspielräume und Partizipationsmöglichkeiten zugestanden werden und sie somit das eigene Wissen nicht einbringen können. Bei der unterstützungsorientierten Fehlführung ist die Klärung von Aufgaben, Erwartungen, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten unvollständig. Zudem fehlt es an Transparenz von Entscheidungen und Zielen, an benötigten Informationen sowie an Anerkennung, Integrität und Fürsorge. Und als die häufigste Ursache allen Übels wurde festgestellt: "Alles keine Absicht, die Führungskräfte unterschätzen lediglich ihren Einfluss auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter." Bengt Krauß, Partner der Unternehmensberatung ILTIS, empfiehlt deshalb Vorgesetzten: "Pflegen Sie eine offene, fehlerfreundliche Kommunikation, sprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern, seien Sie offen für deren Anliegen." Der Leitgedanke in einer mitarbeiterausgerichteten Unternehmenskultur lautet: Führen heißt Dienen. Der Unternehmensberater ist überzeugt, Betriebe, in denen Führungskräfte diese Ratschläge berücksichtigen, bringen nicht nur bessere Leistungen, sie finden auf dem Arbeitsmarkt auch leichter Fachkräfte.
Der gleichen Meinung ist Peter Bolanz von der AOK Südlicher Oberrhein, allein die Praxis zeige oftmals ein anderes Bild. Er muss es wissen, denn als betrieblicher AOK-Gesundheitsberater betreut er über 120 Firmen zwischen Offenburg und Freiburg. Seine Ansprechpartner sind Unternehmer, Geschäftsführer, Personalleiter, Führungskräfte, Betriebsräte und Beschäftigte. Er hilft bei der Umsetzung sowie Aufrechterhaltung von firmenspezifischen Gesundheitsvorsorgemaßnahmen. Zu diesen zählt er unter anderen das Einrichten eines Fitnessraums, das Durchführen von Fitnesskursen - von der Rückenschulung bis zum Yoga-Training -, die Maßnahmen zu Nikotin- oder Alkoholentwöhnung, Vorträge zu gesunder Ernährung und Lebensführung sowie das Veranstalten von Gesundheitstagen für Mitarbeiter und deren Angehörigen. Einen zunehmenden Beratungsbedarf macht er bei Managern im Umgang mit ihren Untergebenen aus. Dabei geht es besonders um deren Kommunikationsverhalten. Er sieht sich so lange als Verfechter der offenen, firmeninternen Kommunikation, so lange es Unternehmen gibt, deren Mitarbeiter immer wieder nur aus der Zeitung erfahren, wie es wirtschaftlich um den Betrieb steht. "Das fördert Unsicherheit und Stress, belastet die mentale und auch die körperliche Fitness der Arbeitnehmer. Für eine Neuorientierung oder ein engagiertes Durchstarten sind das wirklich nicht die besten Voraussetzungen", so Peter Bolanz.
Autor: Gerd Zimmermann
zum Interview "Die Fitness im Fokus"
Vincent Bradley, Geschäftsführer der Fitwell GmbH in Bochum, gibt Tipps zu Fitnessprogrammen für Mitarbeiter.
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