Transfergesellschaften: Erfolgreich bei Praktiker-Insolvenz

Transfergesellschaften sind nicht unumstritten. Seit 1998 dienen sie dazu, bei Massenentlassungen etwa auch in der Folge einer Unternehmensinsolvenz den Beschäftigten eine Weiterbeschäftigungsperspektive zu geben. So sehen die Arbeitsagenturen keinen signifikant höheren Qualifikations- und Vermittlungserfolg durch dieses Instrument. Am Beispiel der Praktiker-Insolvenz, ein bekannter Fall mit einer Vielzahl betroffener Mitarbeiter hat das Bochumer Helex-Institut die Leistung der sechs beteiligten Transferträger sozialwissenschaftlich untersucht und seinen Befund Anfang Januar 2016 veröffentlicht.

Was wurde aus den rund 15.000 Beschäftigten der Praktiker- und Max Bahr-Baumärkte, die 2013 ihren Job verloren? Nach der Insolvenz der beiden Baumarktketten der Praktiker AG waren 8.000 ehemalige Mitarbeiter in sogenannte Transfergesellschaften gewechselt – im deutschen Einzelhandel ein selten eingesetztes arbeitsmarktpolitisches Instrument.

Die Betroffenen nach dem Erfolg fragen

Institutsgeschäftsführer Gernot Mühge erläutert, dass es der zentrale Erfolgsmaßstab der Evaluation war, wie die Beschäftigten die Qualität der arbeitsmarktpolitischen Unterstützung in der Transfergesellschaft einschätzen. Sie haben hohe Erwartungen an die Beratung und arbeitsmarktpolitische Unterstützung in der Transferzeit. Die Daten über die individuelle Zufriedenheit sollten ermitteln, inwieweit diese Erwartungen von den Transfergesellschaften erfüllt worden sind.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich knapp 70 Prozent (69,3 Prozent) der Transferteilnehmer/innen durch ihren persönlichen Transferberater gut oder sehr gut beraten fühlten. Hinsichtlich der Qualität der Transfergesellschaft im Allgemeinen antworteten etwa zwei Drittel (64,9 Prozent) der Befragten, dass sie mit den Leistungen insgesamt zufrieden oder sehr zufrieden waren. Zum Vergleich: In einer Studie über 13 Transfergesellschaften aus dem Jahr 2012 liegt der Anteil der Teilnehmer/innen mit positivem Gesamturteil mit 67,5 Prozent um 2,6 Prozentpunkte höher.

Diese geringe Differenz sei überraschend, betont der Sozialwissenschaftler, denn im Vergleich zu anderen hätte das Praktiker-Transferprojekt besondere Schwierigkeiten meistern müssen. „Eine Hürde war die Insolvenz des Unternehmens, wegen der die Mittel für Qualifizierung niedrig ausfielen. Zudem war die Laufzeit der Transfergesellschaft kurz. Abhängig von der Betriebszugehörigkeit hatten die Beschäftigten einen Anspruch auf drei bis sechs Monate Transfer, gesetzlich möglich sind zwölf Monate.“

Vermittlung unter schwierigen Bedingungen

Für die Koordinierungsstelle PCG Project Consult und die sechs beteiligten Transferträger sei die extrem kurze Vorbereitungszeit für einen der größten Fälle in der Geschichte dieses Arbeitsmarktinstruments eine enorme Herausforderung gewesen. Sie hatten nur wenige Wochen, um arbeitsfähige Transferbüros im gesamten Bundesgebiet aufzubauen und Informationsveranstaltungen und Profilings für rund 8.000 Beschäftigte durchzuführen. Dies bedeutete einen immensen administrativen und organisatorischen Kraftakt, der sich auch auf die Beratungsarbeit ausgewirkt hat, stellten die Wissenschaftler des Instituts fest. Die Evaluationsergebnisse zeigen, dass es den Trägern gelungen ist, die Qualität ihrer Arbeit im laufenden Transferprojekt zu verbessern. Dazu ein Beispiel: Die Teilnehmer/innen wurden gefragt, ob sie das Modell der Transfergesellschaft Freunden und Bekannten, wenn diese sich in einer vergleichbaren Situation befinden, weiterempfehlen würden. 77,5 Prozent der Teilnehmer/innen, die in den ersten drei Monaten von Oktober bis Dezember 2013 in die Transfergesellschaft eingetreten waren, stimmten dieser Frage zu.

Die Masse für die Gläubiger erhöht sich

Transfergesellschaften beginnen ihre Arbeit in einer hochbelasteten Situation. In Einzelfällen seien Missverständnisse und Frust unvermeidbar. Es sei gelungen, zwischen der Mehrzahl der Beteiligten Kommunikation und Kooperation auf ungewöhnlich gutem Niveau in Gang zu bringen, ein Verständnis gemeinsamer Verantwortung zu erzeugen und darin die Insolvenzverwalter und die Gewerkschaft ver.di mit einzuschließen.

Der PCG-Geschäftsführer verweist in diesem Zusammenhang auf die erheblichen wirtschaftlichen Effekte für Gläubiger und Insolvenzverwalter. „Mit Hilfe der Transferträger wurde die Praktiker-Belegschaft motiviert, sich auch in dieser deprimierenden Lage für einen erfolgreichen Abverkauf zu engagieren. Fast 300 Mio. Euro wurden dabei erlöst bei weniger als 50 Mio. Euro Kosten für die Transfergesellschaften.“

Die Bochumer Arbeitsmarktforscher haben auch den Verbleib der Transferteilnehmer/innen auf dem Arbeitsmarkt gemessen. Zum Zeitpunkt der Befragung, im Frühjahr 2015, waren etwas mehr als zwei Drittel (67,6 Prozent) der Beschäftigten in neuer sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, etwa 3,3 Prozent sind in Rente. 25,0 Prozent der Praktiker-Beschäftigten bezogen Arbeitslosengeld. Fragt man diese Gruppe nach der Qualität der Transfergesellschaft, tendieren 69,6 Prozent zu einem positiven Ergebnis. Dies ist annähernd der gleiche Wert wie bei den Teilnehmer/innen, die in Beschäftigung übergegangen sind (68,5 Prozent). Der Status auf dem Arbeitsmarkt, so die Studienergebnisse, hat keinen Einfluss darauf, wie die Qualität der Transferberatung durch die Teilnehmer/innen bewertet wird. Dies bestätige die These, so Mühge, dass Daten über den Verbleib auf dem Arbeitsmarkt für sich allein keinen geeigneten Indikator darstellen, um die Qualität arbeitsmarktpolitischer Beratung zu bewerten.

Quelle: Pressemitteilung Helex Institut, Bochum

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